In Gedenken an Beat Richner – der Held unserer Zeit

Dr. God, Beat Richner, hat in Kambodscha einer ganzen Generation das Leben gerettet und in seinen Spitälern über 15 Millionen Kinder behandelt. Ich habe ihn die letzten 15 Jahre 7x in Cambodia besucht – auch mit meinen Kindern. Er ist für mich der Held unserer Zeit, einer der sein Leben in den Dienst von Kinderleben stellte und einen Weg aufzeigt, wie das Elend auf unserem Planet beseitigt werden kann. Er war auch Systemkritiker. Leider ist er diesen Monat von uns gegangen.

Was

In den frühen 80er Jahren – nach der Diktatur und Genozid der Roten Khmer – blieb Beat Richner als junger Arzt im zerstörten Land. Täglich rettete er Leben von Kindern und schwangeren Müttern. Auf Wikipedia ist sein Werdegang gut dokumentiert. Beat Richner stellte sein Leben in den Dienst der Menschlichkeit – er rettete einer ganzen Generation das Leben.

Wie – Nachhaltiges Ecosystem

Beat Richner erkannte, dass er als Einzelner nicht genug leisten kann um allen Kindern zu helfen uns sie zu heilen. Er erkannte auch, dass die lokale Regierung, die WHO und Hilfswerke nicht genügten (dazu unten mehr). Er baute daher über Jahrzehnte ein ganzes Ecosystem auf.

  • Eine eigene Universität um Ärzte auszubilden (Von den Roten Khmer wurde eine ganze Generation umgebracht)
  • Faire Löhne für Mitarbeiter (rund 5-6x höher als Staatsbedienstete) damit diese ihre Familien ernähren können und nicht korrupt werden
  • Keine Duldung von Korruption
  • Kostenfreie Pflege von jedem Kind (denn in Kambodcha ist das Einkommen bei ca 1 Dollar am Tag, Menschen können sich keine Medizin leisten und brauchen ihr gesamtes Erspartes um zum Spital zu reisen)
  • Reiche Schweizer Haushalte als Finanzierungsquelle – mit Spendenaktionen (Aktion Zwanzigernötli), Cello Konzerten in Kirchen und dem Zirkus Knie, usw
  • Aufbau erstes Spital am Weg zu den Tempeln von Angkor Wat – d.h. die Hilfe wurde sichtbar (damals noch ohne Touristen, heute mehrere Millionen) und internationale Spender gewonnen werden.
  • Klare und einfache Prinzipien, zB: Jedes Menschleben ist gleich viel wert, keine Drittklasse-Medizin für 3 Weltländer, usw.
  • Standardisierte, praktikable, multiplizierbare und finanzierbare Behandlungsmethoden (zB werden Kinder von ihren Verwandten manuell beatmet und nicht von Maschinen)

Beat Richner war alles in einer Person – Arzt, Manager, Fundraiser, Bauleiter, Prozessingenieur, Forscher. Er arbeitete Tag und Nacht, 7 Tage die Woche, unermüdlich bis sein Körper am 9 September 2018 nicht mehr konnte.

Unvergessen bleiben mir seine Chellokonzerte und Vorträge jeweils am Samstag Abend im Auditorium in Sieam Reap. Seine Musik war wohl der einzige Ort wo er selber ein Bisschen Ruhe und Frieden bekam und von all dem Elend abschalten konnte. Wie ich 2003 das erste Mal bei ihm in Auditorium sass und er unmissverständlich klar machte, dass jeder hier drin „Blood & Money“ spenden muss lief mir ein kaltes Schaudern über den Rücken. Denn sein eigenes Blut in einem absolut dreckigen, unhygienischen und voller Krankheiten (insb. massiv HIV) stecken Land zu spenden, erfordert Mut. Es macht einem aber auch eindrücklich klar, dass es auf dieser Welt nur einen Standard für Bluttransfusionen geben kann.

Ich habe seit 2003 im Spital von Sieam Reap einen Blutspendeausweis.

Beat Richner schuff in nur einem Menschenleben ein tragfähiges System das die gesundheitliche Versorgung von einem ganzen Volk ermöglicht, das zehntausende Familien (Mitarbeiter) nachhaltig ernährt und das von über 2000 neu ausgebildeten Ärzten weiter getragen wird.

Das System ist krank

Wie ich von Richner das erste Mal hörte was in der kranken Welt der WHO, Worldvision, Unicef, usw alles schief läuft, wollte ich das nicht glauben. Ich dachte er übertreibe, sehe sich als Opfer – vielleicht als Sturschädel der nicht clever genug ist sich an die Geldtöpfe der UNO und des Schweizer Staates zu hängen. Ich habe viel recherchiert und alle seine Zitate und Geschichten waren schlicht wahr. So schrieb die WHO zB vor, zur Tuberkulose Bekämpfung ein französisches Präperat zu verwenden das in Europa bereits in den Achtzigerjahren sogar für die Tierzucht verboten wurde. Weiters forderte die WHO und der Schweizer Staat, dass die Lokalbevölkerung für die medizinische Betreuung bezahlen soll – doch fast niemand kann sich das leisten. Richner geht sogar soweit, dass an sehr arme Familien mit einem kranken Kind ein Bargeld ausgezahlt wird, damit die Familie sich die Reise für eine weitere Arztvisite/Kontrolle leisten kann. Auch mit den Medikamenten muss es ein Spiessroutenlauf sein. Einerseits werden viele Drittweltländer mit (chinesischer) Fake Medikamente beliefert – andererseits verkaufen Familien von kranken Kindern Medikamente auf dem Schwarzmarkt. Auch hier fand Richner Lösungen die der WHO nicht schmeck(t)en. Und schlussendlich ist da auch noch die Korruption. Sie ist der Hauptgrund warum die ganzen Milliarden die westliche Staaten jedes Jahr verteilen partout nicht bei der Lokalbevölkerung ankommen und bei korrupten Funktionären landen.

Je offener meine Augen und wacher mein Geist wurde, habe ich diese Missstände anschliessen auf jedem Kontinent in Entwicklungsländern gesehen. (vgl Blogbeiträge von K-Adventures) Es ist unglaublich wie sich UNO und Mitarbeiter von Hilfswerken in diesen Ländern aufführen. Sie Leben ein Leben im Überschwang, beziehen westliche Saläre, unterhalten mehrere Hausbedienstete, fahren grosse weisse japanische Jeeps und man fragt sich was diese Leute eigentlich den ganzen Tag tun. In Sieam Reap befindet sich das Sofitel direkt neben dem Kinderspital – es ist pervers zu sehen wie Funktionäre der UNO dort für 500 Dollar und mehr pro Nacht logieren während next door Kinder sterben.

Zusammenfassend kann ich Richner leider nur zustimmen – der Grund warum wir auch heute noch unglaubliches Elend auf unserem Planeten haben, sind die korrupten und nicht funktionierenden Systeme. Was mich extrem traurig stimmt (aber nicht verwundert) ist, dass kein westliches Land aus dieser Praxis aussteigt und neue Wege in der Entwicklungshilfe beschreitet. Die einzigen welche neue Wege finden sind private Stiftungen. Diese – oftmals von einem Unternehmer oder Unternehmerin im Background geleitet – können das System lesen und beschreiten mit ihren Mitteln andere Wege. (und unterstützen Beat Richner)

Richners Vision von Afrika

Die westlichen Staaten geben heute rund 150 Milliarden USD an Entwicklungshilfe aus. Die Schweiz steht im Mittelfeld und gibt etwa 0,5% von ihrem BIP in die Töpfe von DEZA und SECO. (ca 3 Mrd CHF)

Die Spitäler von Beat Richner haben ein Jahresbudget von ca 40Mio CHF (wovon lächerliche 6 Mio aus 3000 Mio Etat vom Schweizer Staat kommen). 2014 hörte ich Beat Richner das erste Mal über seine Vision für Afrika sprechen. Er skizzierte dabei die Vision in jedem Land/Region ein Ecosystem nach Vorbild von Kambodcha (siehe oben) zu schaffen in einem Modell aus Entrepreneurship und Unterstützung von westlichen Ärzten wie ihm. Er rechnete damals vor, dass alleine die winzige Schweiz die finanzielle Kraft hätte, ganz Afrika medizinisch zu versorgen. Man stelle sich einmal diese Unverhältnismässigkeit vor – doch sie entspricht den Tatsachen. Die Länder in der Dritten Welt sind so unglaublich arm im Vergleich zu Volkswirtschaften wie der Schweiz. Richner sinnierte an diesem Abend lange für seine Vision, gab aber achselzuckend auch zum Ausdruck, dass seine Kraft dafür wohl nicht mehr reichen würde. …und er nie verstehen könne, warum nicht die clevere Schweiz ihre Entwicklungshilfe endlich komplett umbaue.

Wie wir letzten Sommer 2017 das letzte Mal in Kambodcha waren, war Richner bereits schwer gezeichnet – kurz darauf wurde dann auch in der Öffentlichkeit bekannt, dass er in medizinisch kritischem Zustand ist. Seine unglaubliche unbändige und aufrichtige Kraft ging zu ende. Ich stand letzten Sommer mit Tränen in seinem Auditorium weil es klar war, dass er nicht zurück kommen wird in seine Spitäler und zu seinen tausenden von Mitarbeitern. Lebe wohl Beat Richner!

Danke

Einige Male hatte ich die letzten 15 Jahre den Drang und die Idee Richner zu helfen und auch mein Leben in den Dienst seiner Vision zu stellen. Leider blieben meine Anfragen an seine Stiftung unbeantwortet und die Gespräche an den Samstag Abenden im Auditorium in Siem Reap kurz. Natürlich nahm er das Geld (mehrere Zehntausend Franken), unser Blut und die ermutigenden Worte. Richner hatte aber eigentlich immer nur offene Augen für Ärzte und die Wissenschaft. Er hasste wohl (un)bewusst „Wirtschaftler“ die ‚helfen‘ wollten (und es besser wussten). Ich kann ihm das nicht verübeln – sondern kann es sehr gut nachvollziehen. Wie auch immer… Zu spät ist es noch nicht für diese Welt einen Beitrag zu leisten mit all den Talenten und Gaben die mir gegeben wurden.

Es ist aber auch für Euch nicht zu spät etwas zu tun. Fahrt hin – seht Euch die unglaublichen Tempel von Angkor Wat an, geht ins Spital in Sieam Reap am Weg dort hin – gebt Euer Blut und gebt Euer Geld – soviel ihr könnt. Postkonto IBAN CH98 0900 0000 8006 0699 1 / Kantha Bopha Stiftung …und werdet selbst zu Systemkritikern. Wir haben vieles selber in der Hand – es ist nur eine Frage wie und wohin wir unsere Ressourcen bündeln.

Andy Keel

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