Wachstum – wozu?

In der DNA von jeder Startup Unternehmerin oder Wirtschaftsuni-Abgänger ist der Quellcode Wachstum verankert – auch in mir. Natürlich ist Wachstum auch ein absolutes Muss, wenn man Investoren oder Kreditgeber hat. Schliesslich kommen Kapital- und Börsengewinne nur durch Wachstum zustande. Eindrückliches Beispiel was passiert, wenn man nicht mehr wächst, ist aktuell die UBS Aktie. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit der Frage, wozu überhaupt weiter wachsen? (Mein Gedanken beziehen sich auf www.dade-design.com – meine anderen Firmen müssen zwingen noch wachsen, sind noch nicht stabil genug)

Hintergrund:

Über die Geschichte von dade könnt ihr hier Nachlesen. Kurz – ich wollte vor 8 Jahren eine Betonbadewanne kaufen, es gab keine auf dem Markt – so habe ich mit meinem Kompagnon Ralph angefangen selber eine zu produzieren. Heute haben wir über 20 Mitarbeiter und sind führend in Betontechnologie und Betondesign. In den Startjahren haben wir jeweils den Umsatz verdoppelt – seit 2016 wachsen wir jährlich mit 30-40% – verdoppeln also alle 2 Jahre. Wir sind längst profitabel.

Wachstum, um reich zu werden – weil genug nie genug ist

Zur Gewinnverwendung von dade habe ich mich bereits einmal ausführlich geäussert. (hier zum nachlesen) Kurz: Das Kapital wird mit 2% verzinst, der Rest geht 50/50 in die Reserven und Bonus an die Mitarbeiter. Der Grundansporn von vielen Menschen und 99% aller Unternehmer ist es wohl, reich zu werden. Ich bin mit 40 an einem Punkt wo „Reichtum“ absolut keine Priorität hat. Ich habe zwar etwas gespart, aber bin weit weg davon eine Million am Konto zu haben. Mein Lohn beträgt 7000 Franken im Monat.

Pro Tag kann ich nun einmal nur 1 Kotelette essen und von einer Villa graut mir, Autos mag ich nicht, ich mache Abenteuerreisen und nicht Malediven für 2000 Fr/Nacht und eine Flasche Pommery Champagner – den ich mag – kostet im Denner 29 Franken. Gleich viel wie eine Pizza in Zürich. Ich habe eine kleine Pensionskasse und ein 3a Konto das ist mehr als 99,9% aller Menschen auf dieser Welt haben.

Konsequenzen von Wachstum

Was es bedeutet, wenn ein Startup zum KMU wird, dann zu einer Konzerntochter und vielleicht irgendwann selbst zum Konzern kann man an hunderten Beispielen in x Entwicklungsstadien live sehen. Ich kenne ausser einiger ganz weniger Beispiele eigentlich keine Firma, die nicht irgendwann einen internen Kontrollapparat aufbauen muss, wo die Chefs ihre Agenda voll haben mit Meetings mit ihren Abteilungsleitern, wo Mitarbeiter nicht mehr selber entscheiden können sondern Steering boards. Wo Spesenreglemente regeln was eine Weihnachtsfeier kosten darf und wo ein tolles Produkt durch die schiere Grösse der Firma und der Anzahl von Kunden am Ende langweilig wird. Oder wo Mitarbeiter während einer ganzen Arbeitswoche keinen einzigen Kundenkontakt haben.

Und nicht zu vergessen der damit einkehrende Reichtum in Familien, der fast zwangsläufig Neid, Gier, Ärger, Scheidungen und Streit mit sich bringt. Die Aktien müssen dann in eine Familienstiftung um das Unternehmen über Generation(en) zu halten. Ein Szenario vor dem mir graut – zumal ich nicht das Bedürfnis habe meinem Sohn ein Vermögen zu vermachen und auch keine bedürftigen Eltern habe, denen ich die Pension finanzieren müsste.

Muster durchbrechen

Auch wenn Geld nicht mein Muster ist, habe ich dennoch ein Muster zu durchbrechen. Die ersten Jahre als Startuper waren dermassen hart, ständig am Abgrund – so viele Monate wo ich am 15 vom Monat noch nicht wusste wie ich am 30igsten die Löhne bezahle. Ich habe mich nonstop mit der Frage beschäftigt was ich tun muss, um uns vom Abgrund weg zu manövrieren und den Umsatz wieder zu verdoppeln. Welche strategischen Schritte sind notwendig? Welche Produkte brauchen wir? Was sind die richtigen Mitarbeiter? Wie finanzieren wir? So bin ich auch in der jetzigen Unternehmensphase genau wieder an diesem Punkt. Wir machen eine Neupositionierung unserer Homepage (die erst 3 Jahre alt ist und im Google Ranking überall auf Platz 1-3 ist), wir intensivieren Verkauf – ziehen uns aus weniger profitablen Geschäftsbereichen zurück und fokussieren mit klaren Marktsegmenten und Marktbearbeitung. Das alles mit dem Fokus in 2-3 Jahren wieder zu verdoppeln. Wachstum zu stoppen heisst also für mich: Muster durchbrechen.

Kann man Wachstum überhaupt stoppen?

Die Frage ist hoch komplex und die Antwort lautet eigentlich nein – zumindest kurzfristig nicht. Klar gibt es viele Beispiele von KMU’s die nicht mehr wachsen und schrumpfen – ich sehe das oft beim Studium von Firmendossier die zum Verkauf stehen. Aber eigentlich braucht es einiges an Ignoranz – Stillstand und Faulheit, dass eine Firma nicht mehr weiter wächst. Das gilt natürlich nur für Branchen, die auch gesamtwirtschaftlich wachsen – aber das tun ja fast alle Branchen – ausser man installiert neue Öltanks/Heizungen oder so. Die gängigsten Methoden, um Wachstum zu stoppen sind an der Preisschraube zu drehen oder gewisse Kunden/Marktsegmente nicht mehr bedienen. Doch beides kann unter Umständen fatale Auswirkungen haben. Eine Massnahme, die funktionieren könnte, ist die geographische Ausrichtung resp. ein geographischer Rückzug. Doch in unserer Branche ist es nun einmal so, dass die richtig tollen Projekte in Orten auf dieser Welt gebaut werden wo noch investiert wird, wo Grenzen verschoben werden, wo exponentielles Wachstum stattfindet. Oder an Orten mit Designverständnis wie Mailand und nicht im geschmacksverstauchten Baden-Württemberg.

Flucht in den Verwaltungsrat

Ein weiteres bewährtes Mittel den negativen Konsequenzen von Wachstum und Bürokratie zu begegnen ist ein Rückzug in den Verwaltungsrat und sich einen CEO an der kurzen Leine zu leisten. Doch macht das Spass? Ich bin ein Macher, ich liebe den Fortschritt, Innovation, neue Produkte – ich liebe es, wenn der Lastwagen vorfährt und wir eine Kundenkommission verladen können. Zudem habe ich ja bereits viele Freiräume und Freizeit und spiele kein Golf. (zum nachlesen – wie ich 4 Unternehmen in Teilzeit führe) – d.h. auch Freizeitoptimierung ist nicht wirklich das Thema und noch habe ich an den meisten Tagen Kraft wie ein Löwe – bin nicht müde und unhunrig. Wenn ich diese Option jemals wählen würde, dann weil ich krank werde oder mich um ein neues Projekt für ein relevantes gesellschaftliches Thema (Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Flüchtlinge, …) kümmern will.

Neue Ziele notwendig

Derzeit sind alle Zeiger auf Wachstum gestellt. Wir sind in vielen Bereichen noch nicht dort wo wir sein wollen und brauchen regelmässigere und solidere Umsätze. Auch fehlen uns noch einige Schritte zur Excellenz. Ich habe vor Jahren bereits errechnet wo unser „sweet spot“ ist – was der ideale Umsatz für unserer Unternehmen und am jetzigen Standort ist. Je nachdem wie schnell wir wachsen, werden wir in 1-2-3 Jahren dort angekommen sein und damit mein Ziel erreicht. Ihr kennt ja alle dieses Phänomen, dass Ziele nur solange attraktiv sind, wie man sie noch nicht erreicht hat. Oftmals merkt man gar nicht, dass man Ziele erreicht hat. Wenn wir also das Wachstum stoppen, würde es auch gelten dieses Muster zu durchbrechen. Ich kenne unser Zukunfts-Szenario noch nicht – doch die Reflektion zu Wachstum erachte ich als wichtig und aus diesem Grund teile ich meine Gedanken an Euch. Denn schlussendlich ist die Begrenzung von Wachstum auch notwendig um unser Klima zu retten (wir produzieren übrigens seit 2016 CO2 neutral) und der Kapitalismus hat deshalb ebenfalls ein Ablaufdatum. Aber das sind andere Themen für später und für andere Autoren.

Ich denke es wäre möglich, uns bei der erwähnten Umsatzgrenze inhaltlich ständig weiter zu entwickeln und spannend zu bleiben, ohne stillzustehen – es würde einfach heissen von Kunden/Marktsegmenten/Orten immer wieder Abschied zu nehmen. Derzeit mein präferiertes Szenario. Doch vielleicht kommt es ganz anders. Das macht es für mich als Unternehmer so spannend und ist der Grund warum ich niemals wieder einen Schritt in einen Konzern setzen oder selber einen bauen werde. Alles ist möglich ausser einer zweiten Konzernkarriere.

Andy Keel

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