Koste es, was es wolle – ein Appell an die Generation X

Die Corona-Krise verursacht einen beispiellosen Schuldenberg. Laut Unternehmer Andy Keel sind es die momentan 40- bis 50-Jährigen, die ihn stemmen müssen. Er fordert dafür, dass diese Generation das wirtschaftspolitische System radikal verändert und Fehler korrigiert.

Von Andy Keel

„Koste es was es wolle“ – mit dieser Redewendung verkündete der österreichische Jungkanzler im März ein milliardenschweres Hilfspaket für die Wirtschaft. Und ähnliche Pläne wurden in vielen Ländern wie in der Schweiz oder auch Deutschland umgesetzt. „Koste es, was es wolle“ – das wird uns noch lange begleiten. Denn schauen wir uns doch die Millionen, Milliarden, Billionen an Hilfspaketen an: Hat sich jemand schon mal gefragt, wer das bezahlen muss?

Und da haben wir den Schlamassel.

Es ist die Generation X, deren Vertreter zwischen 1965 und 1979 geboren sind – eingeklemmt zwischen den überzähligen Baby Boomern und den coolen Ypsilon-Hipstern. Wir Xer sind zwischen 40 und 50 Jahre alt, hatten kaum Real-Lohn-Erhöhungen, haben mit null Rendite und einer kollabierenden Vorsorge zu kämpfen und … mit einem Corona-Schuldenberg.

So weit – so schlecht.

Nun haben wir es aber in der Hand.

Lasst uns Verantwortung übernehmen. Lasst uns der letzten Generation das Zepter aus der Hand nehmen. Lasst uns die Familienbetriebe frühzeitig übernehmen. Lasst uns unsere ganze Lebenskraft und unsere 20 Jahre Berufserfahrung ausspielen. Wir können korrigieren, was die Baby Boomer verursacht und auch wir mitverschuldet haben. Damit meine ich:

  • Just in Time Produktion, bei der das VW-Produktionsband kaum zwei Wochen steht und schon sind die Zulieferer Pleite
  • unbeschränkte Mobilität und globaler Güterverkehr, die unser Klima vor den Kollaps getrieben haben
  • globale Produktionsketten, die minimale Produktpreise wie bei 1-Euro-Shirts bei Primark erlauben
  • Fleischproduktion, die heute eigentlich niemand mehr so will
  • Mangel an Solidarität in der EU
  • Minimale Kapitaldecken, die börsenkotierte Zombi-Unternehmen ohne Gewissen ermöglichen
  • Abstimmungen, an denen zu zwei Dritteln nur Rentner teilnehmen und die somit von Rentnern bestimmt werden

Das System ist so instabil, da muss nur ein Virus kommen und es ist futsch.

Wir haben uns in der Politik die letzten zehn Jahre vieles nicht getraut, weil es (der Wirtschaft) schaden könnte. Schuldenschnitt für Griechenland, Frauenquote, Braunkohle-Ausstieg, CO2-Gebühr auf Flugtickets & Seetransporten, die Liste ist laaaaang. …und jetzt? Jetzt wird mit Schulden, die wir einmal (mit einem haircut?) bezahlen müssen, eben solches auch noch gestützt und erhalten? Das haben wir zusammen mit den nachfolgenden Generationen Y und Z in der in der Hand. Gestalten wir unsere Zukunft und trauen wir uns Folgendes:

  • Lassen wir Airlines sterben und neue, nachhaltige Unternehmen entstehen
  • Lassen wir Kreuzfahrtschiffe in den Häfen, solange sie keine Katalysatoren haben und Rohöl verfeuern
  • Holen wir die Wertschöpfung heim
  • Fördern wir konsequent Innovation und schreiben wir alte Zöpfe und Industrien ab
  • Erlassen wir den ärmeren EU Staaten (und Afrika) einen Teil der Schulden
  • Sichern wir unsere Altersvorsorge durch ein höheres Rentenalter und eine Rentendeckelung
  • Digitalisieren wir die Schule und unsere Arbeitsplätze und verwirklichen wir für Mütter und Väter eine neue Freiheit, auch mit Ganztagesschulen
  • Fordern wir einen Solidaritätsbeitrag von der älteren Bevölkerung ein, zB. auf deren Vermögensgewinne der letzten 2 Jahrzehnte
  • Besteuern wir Erbschaften, insbesondere wenn die Empfänger selbst der Baby-Boomer-Generation angehören
  • Sorgen wir endlich für gleiche Bedingungen für Mann und Frau, also Gender Equality
  • Wählen wir junge Politiker/Innen

Wir merken in diesen Tagen, wie schnell unsere Rechte als Bürger verschwunden sind. Wie schnell wir wieder ganz tief in uralten Rollenmodellen stecken. Wie sehr der Markt eben nicht funktioniert und wie wackelig Europa ist. Wie unfair die Ressourcen unserer Welt verteilt sind und werden.

Es liegt an uns, die Politik zu bestimmen. Einen Generationen-Dialog zu führen. Wir müssen die Suppe auslöffeln und dafür vielleicht wieder sechs Tage die Woche arbeiten.

Gen X und Y – übernehmt Verantwortung! Gemeinsam.

Seid mutig. Seid positiv. Kauft an den richtigen Orten ein. Stellt kritische Fragen. Übernehmt Verantwortung. Wir erschaffen etwas Neues aus diesem Corona Trümmerhaufen.

Andy Keel,
Anfang April 2020

Update 23.5.2020 NZZ Artikel

Andy Keel

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